In diesem Artikel möchte ich Ihnen aus psychologischer Sicht erklären, warum sachliche Diskussionen zum Thema Corona für viele kaum möglich sind und sich zahlreiche Menschen diversen Contra- Mainstream Bewegungen anschließen.

Vorneweg: Nein ich persönlich denke nicht, dass die Politik oder die so genannten „Querdenker“ alles zu 100 Prozent falsch machen.

Genausowenig wie ich denke, dass es generell die „eine Seite“ gibt, die unentwegt recht hat und die entsprechend andere, die generell falsch liegt.

In meiner Arbeit als Mediatorin und Therapeutin ist mir dies in den vergangenen 20 Jahren noch nie begegnet.

Vielmehr sieht es in der Realität so aus, dass wir meist von Parteien ausgehen, die ihrem Gegenüber durchaus auch schlüssige Argumente und daraus resultierende Handlungen anbieten.

Der Konflikt entsteht großteils dadurch, dass entweder nur einer, oder beide Parteien nicht bereit sind, sich für die Argumente oder Handlungsrückschlüsse des anderen öffnen zu können oder auch zu wollen.

Meist ist es jedoch so, dass der Prozess des sich öffnens zuerst einmal gar nicht gekonnt wird. Ähnlich, als wolle man mit einem Auto fahren, dass weder über Benzin, Diesel oder ausreichend Strom verfügt. Es sind zwar für das offensichtliche Auge alle Voraussetzungen gegeben, aber eben die eine entscheidende Voraussetzung nicht.

Aufgrund eigener Ängste, biografisch basierter Rückschlüsse oder gedanklicher Irrtümer fällt ein zuhören nicht nur schwer, es macht es oftmals schier unmöglich. Der Benzin, um den Motor des Verständnisses antreiben zu können, fehlt in diesem Augenblick ganz einfach. Er kommt auch selten „einfach so“ zurück in den Tank, sondern braucht 3 Schritte.

1, das Erkennen des eigentlichen Problems

2, der Entschluss, diesen Mangel zu beheben

3, die Umsetzung konkreter Schritte- den Tank wieder aufzufüllen. Um in der Metapher zu bleiben.

Ein Beispiel: eine heute 43 jährige wurde als Kind sehr streng erzogen. Sie hatte Eltern die den damalig üblichen autoritären Erziehungsmethoden unterlagen. Daraus resultierend erlebte sie die Eltern als „Übermacht“, die willkürlich über sie bestimmten und sich selbst als unterlegen, ohnmächtig und ausgeliefert. Ihre Kindheit erlebte sie als wenig frei, denn ihre Bedürfnisse wurden meist übergangen oder gar ignoriert.

40 Jahre später, erlebt dieselbige Person eine Pandemie.

Ihr Unterbewusstsein schließt bei dem ein oder anderen Beschluss der Politik, sofort auf die Zeit und die Erlebnisse mit ihren Eltern zurück.

Hört sie nun in den Nachrichten: „ wir Politiker verhängen erhebliche Geldstrafen an alle, die gegen die Coronaregeln verstoßen“ und folglich eventuell auch noch: „Wir legen jedem Bürger nahe, sich testen und impfen zu lassen“ sonst….

Hört ihr inneres Kind:“ O mein Gott, die sind wie meine Eltern damals. Die bestimmen über mich und mein Leben.“

Sie schließt aufgrund dieser unbewussten Erinnerungen an ihre Kindheit automatisiert darauf zurück, dass sie sich auch jetzt, 40 Jahre später, in einer Art autoritärem Verhältnis befindet, indem es „die Herrschenden“ und die „Untertanen“ gibt.

Daraufhin ist ihr System alarmiert, verständlicherweise, hellwach und hält Ausschau nach dem „Säbelzahntiger“.

Ihr Stammhirn, das mehrere Millionen Jahre alt ist, hält nicht nur Ausschau nach möglichen Angreifern und Freiheitsräubern, es bereitet sie sogar darauf vor, sich zu verteidigen. Dies ist eine natürliche Überlebensstrategie, die erstmal völlig nachvollziehbar ist.

Hierbei greift es auf vier urmenschliche Strategien zurück.

1, es lässt sie andere angreifen. Sie ist dünnhäutig, alarmiert und meint, sich gegen die vermeintlichen Säbelzahntiger verteidigen zu müssen- auf aggressive Art und Weise. Verbal oder mit entsprechenden Aktionen.

2, es lässt sie fliehen. In ihr besteht der Drang „aus dem ganzen Irrsinn auszubrechen“. Sie plant, entweder das Land zu verlassen, startet selbst Gruppen aus Gleichgesinnten, mit denen sie Fluchtpläne schmieden kann oder verweigert sich den Vorgaben- leugnet den Bestand einer vermeintlichen Gefahr oder die Existenz guter Absichten des Gegenübers- auch das ist eine Art zu fliehen.

3, sie unterwirft sich ihren eigenen Ängsten und Erinnerungen der Vergangenheit, es existiert die nackte Panik, vor allem und jedem. Sie bekommt kaum Luft, ihn ihrem Kopf ist es wirr und ihr fehlt die Orientierung und der Halt.

Manches Mal wird sie auch panisch im Angesicht neuer Lockdowns und verurteilt sämtliche Entscheidungen des Gegenübers harsch und hart oder sie unterwirft sich den autoritären Vorgaben der Gruppe, an der sie sich orientiert- eindimensionaler Politik oder Radikalen Bewegungen. Sie legt eigenständiges Denken als Überlebensstrategie nun einfach lahm und „folgt blind“.

In einem extremen Stadium der Unterwerfung passiert folgendes:

In ihr entstehen krude Verschwörungstheorien oder extreme Verhaltensweisen, die für Dritte (außer ihrer neu gewonnenen Peer Group) kaum noch rational nachvollziehbar sind und sie ist „zu allem bereit“.

4, sie erstarrt im Angesicht der Ereignisse, unterkühlt innerlich gegen jegliche Art der Diskussion und Auseinandersetzung mit Fakten, außerhalb ihrer eigenen Bubble, aber auch mit jenen, die anderer Ansicht sind.

Emotionen der Freude, des Vertrauens und der Erholung sind kaum noch möglich. Überall wird „der Feind“ wahrgenommen. Sie lebt, wie eine „wandelnde Leiche“- leblos scheint ihre Gefühlswelt zu sein.

Hier schleicht sich auch das Gefühl ein:“ Nichts erreichen und bewirken zu können, außer man entscheidet sich für Radikalität.“ innerhalb eines radikalen Umfeldes, nimmt sie ihre Emotionen wieder wahr und kanalisiert diese, um „zurückzuschlagen“ oder sich einfach mal wieder lebendig zu fühlen und als einen wertvollen Teil einer Gruppe wahrnehmen zu können.

Die gesamten aufgestauten Emotionen so vieler Jahrzehnte werden nun frei gesetzt.

Doch nicht in Richtung der Eltern oder der eigenen unterdrückten Gefühle des „gefühlt ungelebten und eingeschränkten Lebens“, sondern in Richtung der Politiker und / oder Andersdenker.

Im Grunde ist die Bezeichnung Querdenker gar nicht so verkehrt. Denn diese Bezeichnung lädt im Grunde dazu ein, die aktuellen Ereignisse zum Anlass zu nehmen, in sich selbst „querzudenken“.

Nicht nur das Außen oder Gegenüber zu hinterfragen, sondern auch sich selbst.

Diese Zeit ist eine Einladung zur Innenschau und Reflexion.

Denn der so offensichtliche Rückschluss, sie leben weiterhin in einer Welt der Gegner, Feinde, Übermächtigen und Unterdrückten, lädt dazu ein, die ein oder andere biografische innere Welt zu erkunden.

So ist eines sicher: Wenn Menschen in ihrer Kindheit permanente Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse erlebten, entsteht ein Misstrauen in ihnen selbst. Den Menschen gegenüber, aber auch dem Leben per se. Vieles wird hinterfragt, vor allem auch erwiesenes. Nicht weil Hinterfragen auch ein gesunder und wichtiger Bestandteil des Lebens ist, sondern weil es für diese Menschen einem zwanghaftem Grundsatz gleicht. Es wird wirklich alles hinterfragen und grundsätzlich nichts und niemandem vertraut.

Hinter vielem wird der Feind vermutet. Genau an dieser Stelle- wenn das Stammhirn derart alarmiert ist- kann kein Hinhören und sachliches Diskutieren mehr stattfinden.

Dieses Misstrauen legt sich in einem entspannten Umfeld, welches Orientierung und Halt gibt und nicht an die Zeit von damals erinnert. (Sehr herausfordernd im Alltag und deshalb innerhalb einer Therapie am ehesten zu erreichen)

Doch auch dieses Umfeld wird von Betroffenen hart unter die Lupe genommen- Vertrauen wird in der Regel erst innerhalb von zwei bis vier Jahren aufgebaut.

Es weckt aber sofort das Alte, Verschobene oder Unterdrückte, sobald sich dieser Mensch in einem Umfeld befindet oder selbst erlebt, dass ihn an die Kindheit oder vergangene Tage erinnert.

Die Pandemie ist ein unsicheres, unplanbares und Perspektivloses Ereignis, das alte Erinnerungen Triggert. Bei dem einen mehr, als bei dem anderen.

Im Grunde zeigt die Unfähigkeit, dem anderen zuzuhören und wertfrei Diskussionen zuzulassen- und zwar in sämtlichen „Schichten“, wie wichtig und bedeutsam die Aufarbeitung, aber auch die deutlich unzureichend erforschten und wahrgenommenen Folgen der autoritären Erziehung per se sind.

Diese Zeit ist schon alleine aus diesem Grund eine Aufforderung zur Heilung, des Mitgefühls und Verständnisses.

Sie ist eine Zeit der Versöhnung- sofern wir lernen, sie als solche zu erkennen.

Sie ist eine Zeit, in der Begegnung stattfinden kann, wenn uns bewusst wird, dass die alten Wunden der Kindheit nicht einfach durch das verstreichen der Zeit verschwinden, sondern aktiv unsere Zuwendung brauchen.

Es sagt deshalb sehr viel mehr über einen selbst, und uns alle, als den anderen aus- wie wir miteinander agieren.

Hier ein kleiner Test, um heraus zu finden, ob es einer biografischen Innenschau bedarf:

Fühlen sie sich oft alleine und im Stich gelassen?

Fühlen sie anderen gegenüber ein Misstrauen und können sich folglich nur schwer auf eine Beziehung oder Diskussion Einlassen?

Erleben sie die letzten Monate als Bedrohung?

Gibt es eine Tendenz in ihnen, Orientierung und Halt in Radikalen Ideen oder Ideologien zu finden?

Werden sie schnell wütend oder ängstlich?

Lösung: bitte wenden sie sich an einen Psychotherapeuten oder Coach, mit entsprechender Ausbildung. Lesen sie entsprechende Bücher wie: das Kind in dir muss Heimat finden oder öffnen sie sich einem guten Freund.

Versuchen sie sich vorzustellen: in den Schuhen ihres Gegenübers zu stehen.

Wie fühlt sich diese Person?

Warum entscheidet sie, wie sie entscheidet?

Was könnten ihre Beweggründe sein- mit der Unterstellung der Absicht, die Person möchte ihr Bestes?

Das Gute, Wahre und Schöne kann ich dann sehen, wenn ich entsprechend Erfahrungen gemacht habe oder zulasse… gibt es für mich – auch wenn es dazu viel Forschen und Neugierde bedarf- das Gute, Wahre und schöne im Augenblick oder im Gegenüber zu sehen?

Miteinander statt gegeneinander

Wir sitzen alle in einem Boot- wenn wir uns mehr für uns selbst, unser Verhalten und auch jenes der anderen interessieren, kann es zumindest gelingen etwas versöhnlicher miteinander umzugehen, das ein oder andere Mal hinzuhören und die Keule der Fremd/- oder selbstverurteilung stecken zu lassen.

Für Mütter, besonders geeignet: In meinem Buch Stop Momshaming habe ich ausführlich darüber berichtet, wie das gelingen kann. Darin befinden sich Anleitungen der eigenen Biografie schlüssig nachzugehen.