Stop Momshaming – jetzt mehr als je zuvor

Vor drei Jahren stürmte der Notarzt unser Haus. Ich lag, völlig unfähig mich zu bewegen, im Flur am Boden, mit Atemnot und Schüttelfrost. Es folgten Intensivstation, ein halbes Jahr Lungenentzündung und die Gewissheit, dass ein Virus namens Hantha

mich beinahe das Leben gekostet hätte. Damals war ich bereits Mama von vier Kindern. Acht von zehn Menschen überleben diese Art von Virus nicht. Die heutige Pandemie Covid-19 samt all ihren Folgeerscheinungen sind mir deshalb in allen Aspekten wohlbekannt.

Einschließlich der Erscheinung des Mom-Shamings. 

Damals befand ich mich gesundheitlich ein Jahr lang in der körperlichen Verfassung einer 75-Jährigen. Und das mit gerade mal 36 Jahren! Ich konnte also nicht mehr auf Bäume klettern, Spielplätze besuchen,  im Akkord in meiner Praxis arbeiten. Es reichte nicht einmal mehr, um den Kindern zu Mittag das Essen auf den Tisch zu stellen oder parallel zu Kunden-E-Mails, Mathematikaufgaben zu erklären. Wir konnten nicht einfach mal einen Tag in der Stadt bummeln, geschweige denn in den Urlaub fahren. Die beschränkenden Maßnahmen, denen ich mich auf ärztliche Anordnung hin zu unterziehen hatte, betrafen damals allerdings nicht die gesamte Öffentlichkeit, sondern nur mich und die Kinder. Und das sorgte in meinem Umfeld für Unverständnis. 

„Warum kommt sie nicht zu Elternabenden oder bringt sich bei Schulaktivitäten mehr ein?“

„Wieso braucht sie so lange, um E-Mails zu beantworten?“

„Warum hat sie abgenommen?“

„Wieso sieht man sie kaum noch auf Bühnen oder anderen Events?“

„Ob sie ihren Kindern mit der Krankheit noch eine gute Mutter sein kann?“

Mit all diesen Fragen wurde ich konfrontiert und ja, es tat enorm weh!

Umso achtsamer denke ich gerade jetzt über ein Thema nach, das mich als fünffache Mutter und Traumatherapeutin auch heute begleitet:

Stop Momshaming!

Spätestens  jetzt ist der Zeitpunkt erreicht, an dem sich Frauen, die sich für ein Kind entschieden haben, großes Lob und einen wohlwollenden und wertschätzenden Perspektivenwechsel verdient haben.  

Zum ersten Mal kommt vielen Menschen in dieser globalen Ausnahmezeit zu Bewusstsein, was Mütter jeden Tag leisten, unter welchem Druck und welcher Verantwortung sie für ihre Lieben sorgen und welchen unersetzlichen gesellschaftlichen Beitrag sie leisten. Jetzt stellen Menschen rund um den Globus ähnliche Fragen, wie eine Mutter, sobald ihr Baby auf die Welt kommt.

– Wird alles gut gehen? 

– Werden alle wohlauf sein, die mir lieb sind?

– Wie kann ich Beruf und Familie vereinen?

– Können wir es uns wirtschaftlich leisten, mehrere Wochen oder gar Monate auf Einkommen zu verzichten?

– Wie werde ich die soziale Isolation meistern, die diese Zeit mit sich bringt? 

Für frischgebackene Mütter gibt es plötzlich mindestens einige Wochen lang weder Kino noch Theater, weder die Pasta beim Italiener noch einen Friseurbesuch. Alle üblichen Zerstreuungen werden auf ein Minimum heruntergefahren und es tauchen Fragen auf wie:

– Wie geht es mit unserer Beziehung weiter, wenn wir so eng aufeinandersitzen?

– Wie wird mein weiteres Leben ab jetzt aussehen?

– Wie kann ich das alles schaffen?

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, die Welt erlebt zurzeit etwas, womit Mütter sich schon immer täglich auseinandersetzen müssen.

Es geht um

Ängste,

Unsicherheiten,

wirtschaftliche Einbußen, Statusverlust und

soziale Isolation.

Die aktuelle Situation zeigt ganzen Gesellschaften vieles von dem auf, was Mütter schon immer erleben.

Sie müssen sich zurücknehmen, überlegen, was sie essen, wo sie hingehen können und wohin besser nicht mehr, sie verzichten oft auf ihre Karriere. Jene, die auf die Sorgen der Mütter früher leichtfertig antworteten, dass es ja ohnedies Mutterschutz und Elterngeld gibt, wissen nun hoffentlich, dass das nicht reicht. Vor allem dann nicht, wenn Mama jahrelang für den Job studieren oder arbeiten musste und nun alles von heute auf morgen mal eben zurück schrauben muss.

Vieles davon war bisher für die Gesellschaft selbstverständlich. Bis jetzt. Hoffentlich – denn in dieser Zäsur haben wir die Chance, vieles zu überdenken und Wertigkeiten zu überprüfen. Ich sehe nun die Möglichkeit, dass mehr von uns verstehen, was Mütter täglich leisten, wie es sich anfühlt, isoliert zu sein oder keinen Ort zu haben, um nur an sich selbst zu denken und durchzuatmen. Vielleicht haben wir als Gesellschaft jetzt einen Impuls, unseren Mütternden Respekt zu zollen, der ihnen gebührt. Empathie entsteht oftmals erst dann, wenn man selbst Ähnliches erlebt hat. Wenn man sich unmittelbar in die Situation versetzen kann und am eigenen Körper erlebt, was es heißt, Tag und Nacht für jemanden wirklich da zu sein.

Gerade Mütter sind es, neben vielen Berufsgruppen wie den Pflegekräften, die – wie sonst auch – gerade jetzt Großartiges leisten. Homeschooling, Homeoffice, das Betreuen von Kleinkindern im zwölften Stock eines Hochhauses, bei Ausgangsbeschränkungen – Mammutaufgaben, die liebenswerte Beachtung finden und nicht einfach als selbstverständlich und bedeutungslos gelten sollten!

Ich bin aus genau diesem Grund schon lange dafür, dass für Mütter deutlich mehr Möglichkeiten der Unterstützung geschaffen und gefunden werden müssen, als bisher. 

 Denn gerade, wenn es um die Zukunft von uns allen geht, sollten jene, die dafür maßgeblich verantwortlich sind, auch die meiste Unterstützung erhalten, sowohl moralisch, ökonomisch, wirtschaftlich als auch emotional.

Doch was kennen wir bisher? Mom-Shaming der übelsten Sorte. So viele fühlen sich berufen, auf anderen herumzuhacken, sie zu kritisieren, ihnen ungefragt Ratschläge zu erteilen und alles besser zu wissen.

Wie viele Mütter kennen die Diskussionen mit ihren Partnern, Schwiegereltern, Arbeitskollegen: „Beschwere dich doch nicht! Du darfst den ganzen Tag zu Hause sitzen, während andere zur Arbeit gehen“?

Tja … „zu Hause sitzen“, das merken wir gerade alle, ist nicht so romantisch verträumt, wie es klingen mag. Es erfordert sehr viel mehr Kraft, als viele denken. Denn es bedeutet Verzicht. Dieser wurde bisher mit Aussagen wie: „Aber warum beschwerst du dich, du hast doch so etwas Tolles wie ein Kind“ niedergeschmettert. Das eine hat mit dem anderen so wenig zu tun, wie ein Skilift mit der Sahara. 

Und nein, selbstverständlich lässt sich das Virus nicht mit einem Kind vergleichen. Darum geht es mir nicht. Sondern um die Parallelen, die ich beobachte, aufzuzeigen und zu mehr Empathie mit Müttern aufzurufen. Es kann sein, dass sich nach der Ausgangsbeschränkung nichts ändern wird und alle so schnell wie möglich zu business as usual zurückkehren.Das fände ich extrem schade. Wenn wir genau hinsehen, fallen uns gerade viele Missstände auf, an dem, was bisher unser business as usual war. Für manche mag das das Gefühl des Getrieben-Seins sein, für andere die Unterbezahlung unserer Pflegekräfte. Für mich ist es das Ansehen und die Behandlung von Müttern in Deutschland. 

Wenn Solidarität, Menschlichkeit und Empathie gerade die Werte sind, die uns zusammenhalten und aus der Krise befreien, dann ziehe ich den Kreis noch weiter und sage: dasist auch genau das, was unser Bild vom Mutter-Sein braucht. 

Die Welt hat Angst vor dem Virus. Zu Recht. Denn er bedeutet, dass auf vieles verzichtet werden muss, um die Gesundheit vieler weiter aufrecht erhalten zu können. 

Ich sage nicht, dass wir Angst vor dem Muttersein haben sollen. Mir geht es darum, dass stärker anerkannt wird, was Mutterschaft bedeutet, welches Risiko, welche Leistung ohne Pause und unter dem Radar.

Wussten Sie, dass 1990 weltweit 523.000 Frauen in der Schwangerschaft oder den 42 Tagen nach der Geburt starben? Dass auch 2020 jeden Tag etwa 800 Frauen weltweit an den Folgen einer Schwangerschaft sterben?Wussten Sie, dass rund 1,6 Millionen der Alleinerziehenden unter der Armutsgrenze leben? Oder dass nur 1 Prozent aller weiblichen Führungskräfte(deren Zahl sowieso nur bei 11% liegt) Mütter sind?

Warum wird darüber so wenig gesprochen? Warum wird so wenig dafür getan, um Müttern endlich die gleichen Chancenzu geben wie Männern und Vätern?

Vielleicht wacht die Welt nun auch auf anderen Ebenen auf und erkennt, dass es Zeit ist, Stop Momshaming groß zu schreiben.

Was können wir alle als Gemeinschaft – was kann jeder und jede Einzelne von uns tun, um nachhaltige Änderungen herbeizuführen? Wenn Sie merken, dass Sie eine Mutter in Gedanken abwerten oder verurteilen, überlegen Sie lieber, wie man sie unterstützen könnte. Wann haben Sie Ihre eigene Mutter zuletzt zum Lächeln gebracht? Es fängt im Kleinen an. Bei uns selbst. 

Miteinander statt gegeneinander – so können wir die Welt verändern!