Wieso schlagen sich Menschen gegenseitig die verbalen Köpfe auf Social Media ein, sobald jemand anderer Meinung ist, sie gerade auf Corona positiv oder negativ oder noch gar nicht getestet wurden?

Und woran liegt es, dass viele nach wie vor leugnen, dass die Welt einer Pandemie ausgesetzt ist oder diese vehement verteidigen?

Was hat es mit den Verschwörungstheorien auf sich, wie erkennt Normalbürger diese überhaupt und wieso wird vielen damit auch noch der letzte Rest an gesundem Menschenverstand gestohlen?

Woran müssen wir uns halten und was dürfen wir hinterfragen?

Viele Fragen, die mir meine Klienten zurzeit in meiner virtuellen Praxis stellen , doch was sind die passenden Antworten aus Sicht der Psychotherapie?

Kann es sein, dass die Über-Reaktionen von Menschen, angesichts einer Krise, tatsächlich noch etwas mit dem Erleben der Großeltern des 2. Weltkrieges zu tun haben? Dieser Frage ging ich im Text genauer nach.

Von Trauma, Epigenetik, Krisenbewältigung und Resilienz

Es ist für viele unerklärlich und kaum nachvollziehbar, dass innerhalb einer Krise primär an eines gedacht wird: das Reinigen und Sauberhalten des Alterwertesten.

Ebenso, dass viele sich keinen Deut darum scheren, Social Distance zu wahren oder nicht in einen Raum zu niesen, ohne eine Maske zu tragen.

Nun gut, wer will schon stinkend durch die Welt gehen, fragt sich der ein oder andere Brückenbauer der Verständigung, und manches Mal muss man eben einfach nur niesen und das Tragen einer Maske löst durchaus klaustrophobische Gefühle aus, wird erklärend beschwichtigt.

Doch die meisten von uns, schütteln einfach nur den Kopf und in nicht wenigen von uns, löst das ein oder andere Verhalten auch Emotionen der Aggression aus. Sobald wir innerlich Zorn verspüren schlägt das Wertesystem an und sagt: „Da stimmt doch etwas nicht.“

In diesem Artikel möchte ich skizzieren, warum es in Notsituationen oftmals zu völlig irrationalen Handlungen kommt und viele Menschen im Angesicht einer Krise, wie wir sie nun vorfinden, nicht in der Lage sind, an Solidarität und Menschlichkeit oder Grundrechte zu denken.

Ein Ausflug in die Epigenetik

Im Winter 1944 blockierten die Nazis sämtliche Transporte von Nahrungsmitteln in die Niederlande. So litten in diesem Winter über viereinhalb Millionen Menschen Hunger, darunter natürlich auch Tausende von schwangeren Frauen.
Sie mussten daher mit weniger als 800 Kilokalorien pro Tag durchkommen. Das ist weniger als ein Drittel des Tagesbedarfs einer Schwangeren. Hunger stand demnach an der Tagesordnung, was, wie jede Schwangere weiß, kaum zu ertragen ist.
Bei der Geburt waren die meisten Babys denn auch zu klein und zu leicht. Und heute, im Erwachsenenalter, leiden genau diese Babies von damals, auffällig häufiger an gesundheitlichen Beschwerden, als ihre Geschwister, die vor oder nach dem Krieg zur Welt kamen. Ein Ergebnis aber liess die Wissenschaftler aufhorchen: Brachten die Kinder des «Hungerwinters» später selber Babys zur Welt, waren auch diese untergewichtig – ungeachtet des heutigen Überflusses. Rückschliessend scheint es, als ob deren Grossmütter das Leid des Krieges an sie weiter vererbt hätten.

Und tatsächlich fanden Forschende auch bei den Kindern und Enkeln dieses Kriegswinters ein verändertes epigenetisches Muster der Methylierungen am Erbgut. Das bedeutet demnach, dass Traumata weiter vererbt werden. Und zwar über die RNA, wie mittlerweile auch anhand von Forschungen festgestellt wurde.
Weitere Generationen betroffen?

Wie schlimm muss ein Trauma sein, damit es sich weitervererbt? «Dazu braucht es nicht unbedingt einen Krieg oder eine landesweite Katastrophe», sagt Isabelle Mansuy, Hirnforscherin an der Universität und der ETH Zürich. Missbrauch und Vernachlässigung seien Alltag im Leben vieler Kinder traurige Realität und traumatisierend, sagt sie. «In Familien, in der Schule, in Kirchen – es passiert überall.»

Die Zahlen geben ihr recht: Gemäss einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2013 wird in Europa etwa jedes zehnte Kind sexuell missbraucht, und jedes fünfte Kind geschlagen. Aktuell, als eine der vielen Nebenwirkungen der Pandemie Und ihren Maßnahmen, stieg die Zahl der Delikte um ein Drittel an.

Welche Folgen die psychischen Traumata für den Körper haben, will Mansuy genauer verstehen. Insbesondere, ob auch die nachfolgenden Generationen noch darunter leiden. Dazu hat die Hirnforscherin eine spezielle Versuchsanlage entwickelt. Im Labor werden frisch geborene Mäuse wiederholt und plötzlich von ihren Müttern getrennt – ähnlich wie bei einer Vernachlässigung eines Kindes durch eine menschliche Familie. Die Wissenschaftler beobachten daraufhin das Verhalten und den Gesundheitszustand der Mäuse und ihrer Nachkommen, und analysieren epigenetische Veränderungen.
So zeigte Mansuy mit ihrem Team, dass die Mäuse, die in den ersten zwei Wochen täglich von ihrer Mutter getrennt wurden, Anzeichen von Depressionen, ein gestörtes soziales Verhalten, ein krankhaft gesteigertes Risikoverhalten und einen beeinträchtigten Stoffwechsel haben. Die neusten Resultate, die Mansuy veröffentlichte, gehen noch viel weiter: Das veränderte Verhalten tritt nicht nur bei den Mäusen der ersten Generation auf, sondern auch bei ihren Nachkommen. Und deren Nachkommen. Und wiederum deren Nachkommen. Bis in die vierte Generation. Ausführlich beschreibe ich dieses Phänomen auch in meinem neuen Buch, das ab sofort vorbestellbar ist: Stop Momshaming.

Kehren wir nun zurück zu irrationalen Handlungen in der aktuellen Krise, sowie deren mögliche Folgen.

Menschen, deren Großeltern entweder im Krieg Traumata erlitten haben, oder die in ihrer frühen Kindheit ein Entwicklungstrauma durch Vernachlässigung erlebten, sind nun eher der Gefahr einer Retraumatsisierung ausgesetzt, als Menschen, deren Großeltern wenig Traumata erlebten oder die eine glückliche Kindheit hatten. Das bedeutet, dass jene nicht unwesentliche Anzahl an Menschen mit Vorbelastungen, die aktuellen Maßnahmen oder Corona selbst, als deutlich bedrohlicher wahrnehmen, als andere. Denn dieser „Säbelzahntiger“ ist nun nicht länger nur eine Fiktion, sondern er steht plötzlich mitten im Wohnzimmer und bedroht das Leben oder die wirtschaftliche Existenz der Betroffenen. Wenn dem so geschieht, ist das menschliche Gehirn nicht mehr dazu in der Lage, rational nachvollziehbare Gedankengänge durchzuspielen und entsprechende Handlungen zu setzen, sondern es reagiert auf eine folgender 4. Arten.

1. Es greift an. Das bedeutet, dass der betroffene Mensch im Angesicht einer Bedrohung damit beginnt, so genannte Übersprungshandlungen, wie das Horten von Klopapier, als Verteidigungsstrategie anzuwenden. Nachdem der Säbelzahntiger ja unsichtbar ist, und somit kein „direkter Feind“ müssen entsprechend Maßnahmen gesetzt werden, die dem Betroffenen das Gefühl geben: „Ja, ich kann etwas tun und mich wehren.“

2. Eine weitere Strategie ist, die der Flucht. Das passiert, wenn Menschen, die im Angesicht einer möglichen Bedrohung den Kopf in den Sand stecken und so tun, als gäbe es keine Gefahr oder sie fühlen sich in deren Angesicht einfach nur hilflos. Sie leben wie gewohnt weiter, leugnen das Tagesgeschehen und halten an ihren Ritualen fest.

Die 3. Variante ist die der Unterwerfung. Das geschieht dann, wenn Menschen, die sich entweder den Anweisungen der Regierung ohne wenn und aber in einem extremen Übermaß unterwerfen, kaum noch Fragen stellen und tun, was von ihnen verlangt wird oder aber jene, die sich, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, einen Schuldigen suchen, um sich sozusagen nicht als machtloses Opfer fühlen zu müssen. Menschen, die ihren Schuldigen gefunden haben, unterworfen sich oftmals einer Verschwörungstheorie nach der anderen und gewinnen dadurch Eine Form von selbstillusioniertem Halt und Sicherheit.
Sehr gefährlich wird es dann, wenn sie sich innerhalb ihrer eigenen Ohnmacht und daraus resultierenden Unterwerfung einer Ideologie hingeben und sich dazu berufen fühlen, so viele Menschen, als möglich zu „retten“. Dann kann es schon mal passieren, dass ein Social Media Post an einige Tausend Menschen raus geht, mit der Aufforderung, die aktuellen Maßnahmen zu ignorieren und, besonders beliebt, bei Esoterikern, besser das „eigene Energiefeld“ aufrecht zu erhalten und somit den Virus zu bannen. Du siehst schon, ein gewisser Größenwahn kann durchaus eine Folge von nicht erkannter Retraumatisierung sein.

Die 4. Variante ist die, in der Menschen, erstarren. Das bedeutet, die werden unfähig zu handeln, in die Zukunft zu sehen, auf ihre Selbstwirksamkeit zurückzugreifen oder perspektivisch zu denken. Menschen, die im Angesicht einer Bedrohung, ob real oder selbst gemacht, erstarren, sind nicht mehr fähig zu handeln. Sie bleiben sprichwörtlich „wie angewurzelt“ stehen und selbst eine Aufmunterung oder gar Aufforderung Dritter zur Aktivität geht ins Leere.
Ein leerer Blick, gefolgt von Panik, Hoffnungslosigkeit und im schlimmsten Fall auch Todessehnsucht zeigt sich, je nach Schweregrad und früher erlebter Traumata, selbst oder durch die Großeltern, in dieser vierten Variante des sich „Totstellens“. Viele kennen es, beispielsweise, wenn sie schon einem zu einem Unfall dazu gekommen sind und Menschen, gaffend, aber nicht helfend, in Scharen um den Verunglückten stehen, aber eben nichts TUN. Alle vier Reaktionen sind Überlebensstrategien auf Krisen und daher zeigen sie im Grunde deutlich auf, in welcher inneren Not sich derjenige befinden. Man könnte durchaus sagen: Sobald ein Mensch so handelt, benötigt er die Hilfe Dritter.

Nun, im Angesicht dieser 4 Resktionen des Stammhirns, fragt sich gewiss der ein oder andere:“Woran erkenne ich, dass ich nicht von einem Trauma betroffen bin oder ich adäquat auf die aktuelle Krise oder sonstige Lebenslagen reagiere?“

Ich versuche, laut aktuellem Kenntnisstand aufzuzählen, woran man sich orientieren kann:

Erstens du hast die Fähigkeit der Resilienz, das bedeutet, es gelingt durchaus durch folgende sieben Prozesse im Angesicht einer Krise durchzugehen.

  1. Ich kann die Dinge realistisch betrachten, mache sie jedoch nicht schlimmer als sie sind und bleibe optimistisch.
  2. Ich fühle mich der Situation nicht hilflos und wie ein Opfer ausgeliefert, sondern erkenne, dass ich durchaus einen Einfluss auf die Umstände habe, indem ich mich selbst reguliere und an meiner Einstellung arbeite.
  3. Ich bin in der Lage mindestens einmal am Tag zu reflektieren und zu erkennen, wann ich in meiner Haltung, meinen Werten und Vorstellungen eventuelle Fehleinschätzungen eingeschlichen haben und sie ggf. zu korrigieren oder anzupassen sind.
  4. Ich bin dazu in der Lage, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten, teile meine Bedürfnisse und auch Emotionen mit und suche mir Hilfe, sobald ich mit dem eigenen Latein am Ende bin.
  5. Ich bin dazu in der Lage, die Zukunft zu planen und mir einen Schritt für Schritt Plan auszuarbeiten. Dabei achte ich auf meine Ressourcen und brenne nicht aus.

Was tun, wenn mindestens eines dieser fünf Punkte, nicht zutrifft?

Wie können demnach aus Wunden, Wunder werden?

Es gibt eine wunderbare Übung aus der Trauma und Schocktherapie, die, sofern wir die täglich anwenden, dabei hilft, die oben genannten vier Reaktionen des Stammhirns zu relativieren und die 5 Punkte realisierbar machen

TIPP AUS DER TRAUMATHERAPIE:
Wenn du merkst, dass du selbst, deine Kinder oder andere, Angst haben oder wie gelähmt bist, keine Orientierung mehr findest oder stark überlastet bist, dann gibt es folgende Übung aus der Traumatherapie, die nach Schocks als Therapie angewandt wird, um das System wieder zu regulieren.

Atme tief ein und aus
Setz dich auf einen Stuhl und fühle, dass du von ihm sicher getragen und gehalten wirst
Schau dich im Raum langsam von links nach rechts um und nenne laut:
5 Dinge, die du siehst
5 Dinge, die du hörst
5 Dinge, die du in dir wahrnimmst (z.b ich bin durstig, es ist mir zu warm, etc)
Danach atme tief ein und aus
Nenne nun 4, dann 3, dann 2, dann 1 Ding, dass du siehst, hörst und in dir wahrnimmst.
Atme wieder tief ein und aus

Und sag dir laut:
In diesem Moment bin ich in Sicherheit. Schau, alles ist gut. Der Stuhl trägt und hält dich.
Verschränke deine Arme und rubble kurz deinen Körper von oben nach unten ab.

Dein Gehirn kannst du durch diese einfache Übung täglich darauf trainieren, dass das wovor du gerade Angst hast, keine Gefahr für dich in diesem Moment ist. Du stabilisierst dich und fühlst neue Präsenz, Sicherheit und Klarheit.
Diese braucht es auch, damit du dich angstfrei auf alles, was diese Tage bringen mögen, einlassen kannst.

Grundsätzlich ist es bisher leider noch nicht zur Gänze erforscht, wie sich die Kette der Trauma Weitervererbung unterbrechen lässt. Was wir jedoch wissen ist, dass eine gezielte Psychotherapie, Systemik, Traumaarbeit oder Körpertherapie durchaus dabei behilflich ist, Traumata zu überwinden und zwar so, dass diese das Leben nicht mehr negativ beeinflussen.

Deine Katharina